Abstract
Orchester stehen für „Hochleistungsapparate“, die
ein Höchstmaß an Koordinationsleistung bei gleichzeitiger
Fehlerminimierung aufbringen müssen. Dies macht sie zu einem interessanten
Untersuchungsfeld für die Organisationstheorie. Im Folgenden wird
deshalb gefragt, was das Besondere der Organisation Orchester ist und
was gegebenenfalls die Organisationstheorie von ihr lernen könnte.
Dieser Frage soll aus systemtheoretischer Perspektive nachgegangen
werden.
Neuland
Erst seit neuerem schauen die Managementtheoretiker hinter die Kulissen
des Kulturbetriebs und interessieren sich für dessen Organisation
und dessen Arbeitsbedingungen. Dieses wachsende Interesse zeigt sich
in Publikationen, in denen ein Know-How-Transfer aus dem Kulturbetrieb
in die Betriebswirtschaftslehre angestrebt wird. So machen beispielsweise
Doris Eikhof und Axel Haunschild (2004:2) in ihrer personalpolitischen
Studie zum Theaterbetrieb unter den Stichworten Innovation, Mobilität,
Projektkompetenz und Networking das Theater zu dem Modell zukünftiger
Arbeitswelten. Seifter & Economy (2001) sehen ihr Organisationsmodell,
das sie anhand des Orpheus Chamber Orchestra entwickelten, als zukunftsweisendes
Strukturierungsprinzip für Wirtschaftsorganisationen und exportieren
es aus der Welt der Kunst in die des Managements. Weniger auf organisationstheoretische
Modelle denn auf kreative, ästhetische Kompetenz setzen John & Heid,
die versuchen das Potential künstlerischer Kreativität unter
dem Stichwort „Transferkunst“ für und in Wirtschaftsunternehmen
fruchtbar zu machen.
Das wachsende Interesse an den Arbeitsbedingungen
des Kulturbetriebs wirft die Frage auf, wodurch dieses geweckt wird.
Dominierten in den Wirtschaftsunternehmen lange Zeit Tugenden wie Pünktlichkeit,
Sparsamkeit, Gehorsam et cetera, werden diese langsam aber stetig durch
künstlerische Fähigkeiten bzw. individuelle Talente wie Kreativität,
Spontanität, Improvisationsvermögen abgelöst (Eikhof
2004:1). Je weiter die Gleichförmigkeit industrieller Produktion
individuellen Lösungen Platz macht, desto mehr scheint das Interesse
der Betriebswirtschaftslehre am Künstlerischen zu wachsen. Die
bürgerlich genährten Vorurteile des 19. Jahrhunderts gegenüber
den Berufsständen der Künstler weichen einem ernsthaften
Interesse an anderen Produktionsformen als dem taylorschen Ideal.
Welches
Terrain durch das neue Interesse eröffnet wird, soll im Folgenden
grob skizziert werden. Dabei gilt es zunächst zu differenzieren,
denn so verschieden die Kulturlandschaft ist, so unterschiedlich sind
auch die Arbeits- und Produktionsweisen des Kulturbetriebs, die diese
Landschaft hervorbringen. Zum einen finden sich da die individuell-schöpferisch
arbeitenden Künstler wie beispielsweise Maler, Komponisten, Literaten
et cetera, zum anderen der interpretierenden Kollektive des Theater-
und Konzertwesens. Alle unterscheiden sich deutlich in ihren Arbeits-
und Produktionsweisen. Auf eine bestimmte „Region“ der
Kulturlandschaft, nämlich auf die des Orchesters, soll im Folgenden
näher eingegangen werden.
Die meisten Organisationen wären
gerne so „gut“, wie es Orchester sind. Dafür stehen
Slogans wie „Perfektion ist unsere Leidenschaft“, mit dem
Sponsoren den Imagetransfer eines bekannten Orchesters auf das eigene
Unternehmen zu realisieren versuchen. Orchester stehen für „Hochleistungsapparate“,
denen Bewunderung zukommt. Sie sind äußerst spezialisierte
Organisationen, die ein Höchstmaß an Koordination und gleichzeitig
eine möglichst geringe Fehlerquote aufweisen müssen. Schon
in der (zumeist aus den Reihen der Orchestermusiker selbst) regelmäßig
aufkommenden Kritik, in der meist die tarifpolitische Situation und
die daraus resultierende „Angestelltenmentalität“ in
Frage gestellt wird, die „die Berufung zum Musizieren auf das
Niveau unselbständiger Arbeits-Dienste herunterschraubt“ (Hufner
2000), zeigt sich, dass sich Orchestermusiker mit den „normalen“ Maßstäben
der Arbeitswelt nicht messen lassen. Von ihnen wird Exzellenz gefordert.
Im Folgenden geht es also nicht um eine musikwissenschaftliche Betrachtung
des Orchesters, sondern es wird gefragt, was das Besondere der Organisation
Orchester ist und was die Organisationstheorie gegebenenfalls von ihr
lernen kann.
Der Stoff aus dem die Organisation ist
Organisiertheit – in Form von Organisationen – hat in alle
gesellschaftlichen Teilbereiche wie in den der Wirtschaft, der Wissenschaft,
der Politik und auch der Kunst Einzug gehalten. Gleich, ob in einem
Industriebetrieb, einer Universität, einer Bank, in der Verwaltung
oder in einem Orchester, immer sind die Tätigkeiten von Menschen
auf etwas hin koordiniert: Organisationen prägen unser Leben,
ihnen ist nicht genug Aufmerksamkeit zuzumessen. Allerdings muss bei
der obigen Aufzählung gefragt werden, ob diese verschiedenen Organisationen,
die in den gesellschaftlichen Teilbereichen evolvierten, überhaupt
noch Gemeinsamkeiten aufweisen, ob es also legitim ist von der Organisation
zu sprechen.
Systemtheoretisch geht man davon aus, dass alles was ist,
sich gegenüber seiner Umwelt soweit behauptet hat respektive toleriert
wird, dass es seinen Bestand gewährleisten kann (Luhmann 2000:74).
Betrachtet man die stete Ausbreitung der Organisation seit der Industrialisierung,
kann gesagt werden, dass die Organisation nicht nur „toleriert
wird“, sondern dass das Prinzip des Organisiertseins seit der
Moderne einen Siegeszug erlebt. Es hat den Anschein, als nährten
sich die Organisationen durch gesellschaftliche Differenzierung. Je
weiter Arbeit spezialisiert wird, desto höher ist die Notwendigkeit
des Zusammenfügens disparater Teilleistungen entlang der Produktions-,
Wissens- oder Dienstleistungskette: Das schafft die Organisation mit
einem bisher unübertroffenen Grad an Effizienz. Bildlich steht
für dieses Zusammenfügen eine Erfindung des letzten Jahrhunderts,
das Fließband. Abstrakter als dieses Bild, aber genau so zutreffend
ist der Begriff der Rolle. Er zeigt, dass die Organisation nur an einem
bestimmten Teil der Person interessiert ist, nämlich dem, der
ihren Bestand gewährleistet. Der organisationssoziologische Begriff
der Rolle besteht aus einem Bündel von Regeln und Erwartungen,
die das Handeln der Mitglieder im Sinne der Organisation leiten. Pointiert
gesagt liegt die Stärke der Organisation darin, das Handeln ihrer
Mitglieder in bestimmte Bahnen zu lenken, die in überindividuellen
Rollen festgelegt sind – in Anlehnung an Hermann Haken ließe
sich auch von Versklavung sprechen. Der Preis, den die Organisation
für die rollengerechte Beschneidung der Persönlichkeit zahlt,
ist das Salär. Gleichzeitig und ungewollt handelte sie sich damit
auch das Problem der klassisch-modernen Arbeitswelt ein: jenes des
mangelnden Sinns und des Verlustigwerdens der Motivation eines auf
eine Rolle beschränkten, aber ganzheitlich empfindenden Individuums
(Hartfelder 1998:210f.). Etwas hilflos erscheint der Versuch des Managers
neueren Typs, an der entstandenen Leerstelle das lauwarme Feuer der
Corporate Identity zu entfachen.
Weiter in:
Tröndle, Martin (2005b): Das Orchester als Organisation: Exzellenz
und Kultur. In: Management und Synergetik, hrsg. v. Timo Meynhardt
und Ewald Brunner, Münster, New York, München, Berlin (erscheint
Frühling 2005): Waxmann.
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