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Das Orchester als Organisation: Exzellenz und Kultur?

Martin Tröndle


Abstract
Orchester stehen für „Hochleistungsapparate“, die ein Höchstmaß an Koordinationsleistung bei gleichzeitiger Fehlerminimierung aufbringen müssen. Dies macht sie zu einem interessanten Untersuchungsfeld für die Organisationstheorie. Im Folgenden wird deshalb gefragt, was das Besondere der Organisation Orchester ist und was gegebenenfalls die Organisationstheorie von ihr lernen könnte. Dieser Frage soll aus systemtheoretischer Perspektive nachgegangen werden.


Neuland
Erst seit neuerem schauen die Managementtheoretiker hinter die Kulissen des Kulturbetriebs und interessieren sich für dessen Organisation und dessen Arbeitsbedingungen. Dieses wachsende Interesse zeigt sich in Publikationen, in denen ein Know-How-Transfer aus dem Kulturbetrieb in die Betriebswirtschaftslehre angestrebt wird. So machen beispielsweise Doris Eikhof und Axel Haunschild (2004:2) in ihrer personalpolitischen Studie zum Theaterbetrieb unter den Stichworten Innovation, Mobilität, Projektkompetenz und Networking das Theater zu dem Modell zukünftiger Arbeitswelten. Seifter & Economy (2001) sehen ihr Organisationsmodell, das sie anhand des Orpheus Chamber Orchestra entwickelten, als zukunftsweisendes Strukturierungsprinzip für Wirtschaftsorganisationen und exportieren es aus der Welt der Kunst in die des Managements. Weniger auf organisationstheoretische Modelle denn auf kreative, ästhetische Kompetenz setzen John & Heid, die versuchen das Potential künstlerischer Kreativität unter dem Stichwort „Transferkunst“ für und in Wirtschaftsunternehmen fruchtbar zu machen.

Das wachsende Interesse an den Arbeitsbedingungen des Kulturbetriebs wirft die Frage auf, wodurch dieses geweckt wird. Dominierten in den Wirtschaftsunternehmen lange Zeit Tugenden wie Pünktlichkeit, Sparsamkeit, Gehorsam et cetera, werden diese langsam aber stetig durch künstlerische Fähigkeiten bzw. individuelle Talente wie Kreativität, Spontanität, Improvisationsvermögen abgelöst (Eikhof 2004:1). Je weiter die Gleichförmigkeit industrieller Produktion individuellen Lösungen Platz macht, desto mehr scheint das Interesse der Betriebswirtschaftslehre am Künstlerischen zu wachsen. Die bürgerlich genährten Vorurteile des 19. Jahrhunderts gegenüber den Berufsständen der Künstler weichen einem ernsthaften Interesse an anderen Produktionsformen als dem taylorschen Ideal.

Welches Terrain durch das neue Interesse eröffnet wird, soll im Folgenden grob skizziert werden. Dabei gilt es zunächst zu differenzieren, denn so verschieden die Kulturlandschaft ist, so unterschiedlich sind auch die Arbeits- und Produktionsweisen des Kulturbetriebs, die diese Landschaft hervorbringen. Zum einen finden sich da die individuell-schöpferisch arbeitenden Künstler wie beispielsweise Maler, Komponisten, Literaten et cetera, zum anderen der interpretierenden Kollektive des Theater- und Konzertwesens. Alle unterscheiden sich deutlich in ihren Arbeits- und Produktionsweisen. Auf eine bestimmte „Region“ der Kulturlandschaft, nämlich auf die des Orchesters, soll im Folgenden näher eingegangen werden.

Die meisten Organisationen wären gerne so „gut“, wie es Orchester sind. Dafür stehen Slogans wie „Perfektion ist unsere Leidenschaft“, mit dem Sponsoren den Imagetransfer eines bekannten Orchesters auf das eigene Unternehmen zu realisieren versuchen. Orchester stehen für „Hochleistungsapparate“, denen Bewunderung zukommt. Sie sind äußerst spezialisierte Organisationen, die ein Höchstmaß an Koordination und gleichzeitig eine möglichst geringe Fehlerquote aufweisen müssen. Schon in der (zumeist aus den Reihen der Orchestermusiker selbst) regelmäßig aufkommenden Kritik, in der meist die tarifpolitische Situation und die daraus resultierende „Angestelltenmentalität“ in Frage gestellt wird, die „die Berufung zum Musizieren auf das Niveau unselbständiger Arbeits-Dienste herunterschraubt“ (Hufner 2000), zeigt sich, dass sich Orchestermusiker mit den „normalen“ Maßstäben der Arbeitswelt nicht messen lassen. Von ihnen wird Exzellenz gefordert. Im Folgenden geht es also nicht um eine musikwissenschaftliche Betrachtung des Orchesters, sondern es wird gefragt, was das Besondere der Organisation Orchester ist und was die Organisationstheorie gegebenenfalls von ihr lernen kann.

Der Stoff aus dem die Organisation ist

Organisiertheit – in Form von Organisationen – hat in alle gesellschaftlichen Teilbereiche wie in den der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Politik und auch der Kunst Einzug gehalten. Gleich, ob in einem Industriebetrieb, einer Universität, einer Bank, in der Verwaltung oder in einem Orchester, immer sind die Tätigkeiten von Menschen auf etwas hin koordiniert: Organisationen prägen unser Leben, ihnen ist nicht genug Aufmerksamkeit zuzumessen. Allerdings muss bei der obigen Aufzählung gefragt werden, ob diese verschiedenen Organisationen, die in den gesellschaftlichen Teilbereichen evolvierten, überhaupt noch Gemeinsamkeiten aufweisen, ob es also legitim ist von der Organisation zu sprechen.

Systemtheoretisch geht man davon aus, dass alles was ist, sich gegenüber seiner Umwelt soweit behauptet hat respektive toleriert wird, dass es seinen Bestand gewährleisten kann (Luhmann 2000:74). Betrachtet man die stete Ausbreitung der Organisation seit der Industrialisierung, kann gesagt werden, dass die Organisation nicht nur „toleriert wird“, sondern dass das Prinzip des Organisiertseins seit der Moderne einen Siegeszug erlebt. Es hat den Anschein, als nährten sich die Organisationen durch gesellschaftliche Differenzierung. Je weiter Arbeit spezialisiert wird, desto höher ist die Notwendigkeit des Zusammenfügens disparater Teilleistungen entlang der Produktions-, Wissens- oder Dienstleistungskette: Das schafft die Organisation mit einem bisher unübertroffenen Grad an Effizienz. Bildlich steht für dieses Zusammenfügen eine Erfindung des letzten Jahrhunderts, das Fließband. Abstrakter als dieses Bild, aber genau so zutreffend ist der Begriff der Rolle. Er zeigt, dass die Organisation nur an einem bestimmten Teil der Person interessiert ist, nämlich dem, der ihren Bestand gewährleistet. Der organisationssoziologische Begriff der Rolle besteht aus einem Bündel von Regeln und Erwartungen, die das Handeln der Mitglieder im Sinne der Organisation leiten. Pointiert gesagt liegt die Stärke der Organisation darin, das Handeln ihrer Mitglieder in bestimmte Bahnen zu lenken, die in überindividuellen Rollen festgelegt sind – in Anlehnung an Hermann Haken ließe sich auch von Versklavung sprechen. Der Preis, den die Organisation für die rollengerechte Beschneidung der Persönlichkeit zahlt, ist das Salär. Gleichzeitig und ungewollt handelte sie sich damit auch das Problem der klassisch-modernen Arbeitswelt ein: jenes des mangelnden Sinns und des Verlustigwerdens der Motivation eines auf eine Rolle beschränkten, aber ganzheitlich empfindenden Individuums (Hartfelder 1998:210f.). Etwas hilflos erscheint der Versuch des Managers neueren Typs, an der entstandenen Leerstelle das lauwarme Feuer der Corporate Identity zu entfachen.



Weiter in:
Tröndle, Martin (2005b): Das Orchester als Organisation: Exzellenz und Kultur. In: Management und Synergetik, hrsg. v. Timo Meynhardt und Ewald Brunner, Münster, New York, München, Berlin (erscheint Frühling 2005): Waxmann.

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