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Die Funktionslogik des Kunstsystems: Vorbild für betriebliche Organisation?

Wolfgang Tschacher und Martin Tröndle


Abstract
Die Organisation des Systems Kunst steht im Mittelpunkt dieses Beitrags. Das Kunstsystem kann als Endosystem verstanden werden, also als ein selbstreferentes System, das sich in einem fortwährenden Selbstmodellierungsprozess befindet, aber zugleich auch durch Selbstorganisation gekennzeichnet ist. Im Folgenden sollen die Eigenschaften und die besondere Funktionsweise des Kunstsystems untersucht werden. Dabei wird gefragt, ob sich hieraus neue Sichtweisen für das Managementhandeln beziehungsweise die Organisationstheorie ableiten lassen – und falls ja, welche?


Was ist "Kunst"?
Wenn man von einem Kunstsystem sprechen möchte, ist es nahe liegend, mit einer Definition dessen zu beginnen, das in ein System eingebunden sein soll. Was also ist Kunst, wo verläuft die Grenzziehung zu Kitsch, zu Gebrauchskunst und Design? Ist Kunst durch Schönheit bestimmt, durch Kunstfertigkeit und "Können"? Die Kunstwissenschaft zeigt, zumal wenn es um moderne Kunst geht, dass eine Definition kaum möglich ist. So hält die Encyclopædia Britannica (2001) unter dem Eintrag "aesthetics" fest: "Indeed, it could be said that self-definition has been the major task of modern aesthetics." Die Frage was Kunst ist, bleibt unbeantwortet – der, der sie stellt, gilt im Gegenteil als naiv, wenn nicht als Banause.

Wir können also bei Sichtung der kunsttheoretischen Literatur nicht realistisch hoffen, zu einer unstrittigen theoriegeleiteten Kunstdefinition zu gelangen. Wenn wir dennoch nicht aufgeben – bánausos ist griechisch für "Handwerker", und Handwerk ist ein unverzichtbarer Bestandteil wissenschaftlichen Vorgehens – so scheint es sinnvoll, zumindest eine deskriptive Annäherung an Kunst zu versuchen. Kunstwerke bestehen dann, gemäß unserer Beobachtung, aus von Menschen absichtsvoll hergestellten Artefakten ("Werken"), die durch mehrere Eigenschaften ausgezeichnet sind:
  • Verdichtung des im Werk angelegten Inhalts: Das Werk transportiert einen Wahrnehmungsüberschuss, in dem ein Kommunikationsangebot enthalten ist (vgl. Omlin 2001)
  • Vielschichtigkeit des Werks: Das Werk transportiert Mitteilungen über das Wahrnehmen selbst, zum anderen Mitteilungen über Wirklichkeiten
  • Beständigkeit des Werks
  • Gebundenheit an ein (beliebiges) Medium oder Material
  • Neuheit / Originalität des Werks
Selbstverständlich ist diese Liste von Eigenschaften unvollständig, und es gibt weitere, die hier angefügt werden könnten. Eine sehr bemerkenswerte Eigenschaft von (moderner) Kunst tritt aber zutage, wenn man jede deskriptive Eigenschaft für sich betrachtet: Die jeweilige Eigenschaft mag noch so abstrakt und weit bestimmt sein, stets gibt es Entwicklungen in der Kunst und damit einzelne Werke, die im Kunstsystem als Kunst zwar anerkannt sind, diese Eigenschaft aber nicht oder nicht mehr aufweisen.

Greifen wir nur zwei Beispiele heraus: die Eigenschaft "Beständigkeit des Werks" trifft scheinbar auf viele Kunstwerke zu, und ist offensichtliche Voraussetzung für die Archivierbarkeit, den langfristigen Handel und Ausstellbarkeit eines Werks. Dennoch gibt es Künstler, die diese Eigenschaft antithetisch angehen, etwa durch Schaffung von Werken aus verderblichen oder sich zersetzenden Materialien (z.B. Installationen von Dieter Roth). Ein weiteres Beispiel betrifft die "Gebundenheit des Werks an ein Medium", sei es Leinwand und Farbe oder Videofilm. Mit der Entstehung der Konzeptkunst scheint auch diese Eigenschaft falsifiziert; die stofflich-sinnliche Umsetzung ist nicht mehr Teil des Konzept-Werks, da dieses nur mehr aus einer Anregung besteht, wie etwas zu tun oder auch nur zu denken sei.

Wir stoßen also bei unseren initialen Definitions- und Bestimmungsversuchen des Inhalts "Kunst" im Kunstsystem auf deutliche Schwierigkeiten, die wir im Moment soweit zusammenfassen können: Jeglicher Definitions- und Festlegungsversuch im Bereich der Kunst, zumal der modernen Kunst, wird häufig durch nachfolgende Werke im Zuge der Evolution des Kunstsystems konterkariert. Das dialektische Prinzip der Antithese scheint zu gelten, mit dem Resultat beständiger Innovation und Revolution. Es scheint sogar, angenommen die Innovation wäre Regel im modernen Kunstsystem, die Antithese auch zu dieser (Meta-)Regel eingeführt zu werden, etwa in Gestalt der Postmoderne, die das Neuigkeitsprimat der Moderne dadurch negiert, dass Historisches, bereits Geschaffenes zitiert wird (freilich, um wiederum Neues zu schaffen).

Festgehalten werden kann, dass sobald eine Regel vorliegt, was Kunst sein kann, diese negiert wird. Was Kunst ist, lässt sich also nicht statisch in einer Definition festlegen, wohl aber ist es möglich, sich der Funktionsweise des Kunstsystems über eine prozessuale Sichtweise anzunähern.

Kunst und betriebliche Organisationen

Bevor wir dazu kommen, die Organisation des Kunstsystems anzusprechen, fällt bereits auf, dass das Künstlerische en vogue ist. Theorien von der wissens- und wertbasierten Unternehmung legen dies auch durchaus nahe (Meynhardt 2004). Dies zeigt sich beispielsweise daran, dass Konzerne ihre eigene Kunstsammlung aufbauen (Sammlung Daimler Chrysler, Jenoptik), künstlerische Programme einrichten (Kulturstiftung der Deutschen Bank, Siemens Arts Programm etc.) oder gar ganze Museen gründen (Museum Würth, Vitra Design Museum etc.). Selten findet sich ein Vorstandsmitglied, das sich nicht mit einem Klassiker der Moderne als Hintergrund ablichten lässt. Kunst, insbesondere die bildenden Künste, scheinen auf Wirtschaftsunternehmen eine starke Anziehungskraft zu haben. Dies ist für Organisationen, die doch vornehmlich an in Geldwerten gemessener Eindeutigkeit interessiert sind, verwunderlich, ist ja, wie ausgeführt, noch nicht einmal klar, was Kunst überhaupt ist.

Über die Attraktivität hinaus, die Kunstwerke für die Wirtschaft haben, existiert ein "Kunstsystem" als eigenständige ökonomische Struktur in der Gesellschaft. Söndermann (2004) fasst in einer für die deutsche Bundesregierung erstellten Studie zusammen:
  • "Die Gesamtzahl der Erwerbstätigen in den Kulturberufen (definiert als Musiker, Sänger, Schauspieler, Bildende Künstler, Film-/TV-/Rundfunkkünstler, Designer, Architekten einschließlich sonstiger Kulturberufe) erreicht im Jahr 2003 einen Umfang von insgesamt 780.000 Personen in Deutschland.
  • In den Jahren zwischen 1995 und 2003 steigt die Zahl der Erwerbstätigen in den Kulturberufen insgesamt um 31 Prozent oder durchschnittlich jährlich jeweils um 3,4 Prozent. Das Wachstum der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung hingegen stagniert im gleichen Zeitraum und liegt bei 0 Prozent zwischen 1995 und 2003.
  • Dadurch ergibt sich eine deutliche Verschiebung des Erwerbstätigenpotenzials zugunsten der Kulturberufe. Der Anteil der Kulturberufe liegt im Jahr 1995 bei 1,7 Prozent und erreicht bis zum Jahr 2003 einen Anteil von 2,2 Prozent an der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung (36,17 Millionen Erwerbstätige insgesamt).
  • Zum Vergleich: die gesamte deutsche Automobilindustrie bietet im Jahr 2003 rund 620.000 Erwerbstätigen einen Arbeitsplatz und erreicht einen Anteil von 1,7 Prozent an der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung" (Söndermann 2004: 5).
Beim Blick auf das Zahlenmaterial zwingt sich die Frage auf, was das Kunstsystem so erfolgreich macht. Aus organisationstheoretischer Perspektive muss gefragt werden: Gibt es unter dem Aspekt des Benchmarking kunstsystemspezifische "Best Practice"- Merkmale, die auch auf Wirtschaftsunternehmen übertragen werden könnten? Um dem nachzugehen, wollen wir im Folgenden nicht länger danach fragen, was das Kunstsystem ist, sondern danach, wie es funktioniert. Dabei wird im Besonderen auf die Bildenden Künste (Malerei, Installation, Video) fokussiert.

Methodisch werden wir aus systemtheoretischer beziehungsweise evolutionstheoretischer Warte argumentieren. Denn sowohl Kunst als auch (betriebliche) Organisation lässt sich als System beschreiben, das heißt das Begriffsinstrumentarium greift auf beiden Seiten. Organisation als System zu beschreiben ist nicht neu (siehe Probst 1993; Baecker 1999; Luhmann 2000; Ulrich 2001). Auch evolutionstheoretische Konzepte auf die Organisation zu übertragen findet breiten Anklang (Malik 1996; Kirsch 1997).

Verallgemeinernd kann gesagt werden, dass Ausgangslage all dieser Ansätze die Vorstellung bildet, dass Organisationen in der Lage sein müssen, sich verändernden Umweltbedingungen anzupassen (Haken 1991; Brunner 2002). Nach dem "ökologischen Gesetz des Lernens" ist eine Spezies so lange überlebensfähig, "[...] wie ihre Lerngeschwindigkeit gleich oder größer ist als die Änderungsgeschwindigkeit der relevanten Umwelt" (Servatius 1991: 112f.). König & Volmer (2000: 231) leiten daraus ab, dass die Organisation in der Lage sein soll, sich durch Selbstorganisation aufgaben- oder situationsspezifisch zu reorganisieren, also Lernen zu lernen, um sich situativ neu anpassen zu können (vgl. auch Probst 1993: 450f.). Die Systemtheorie nennt diese Fähigkeit der autonomen Reorganisation Selbstorganisation. In sozialen Systemen geschieht dieser Prozess durch Lernen.

Es wird im Folgenden die These vertreten, dass das Kunstsystem so schnell wie kein anderes gesellschaftliches Teilsystem lernt. Hieraus wollen wir den Erfolg des Kunstsystems erklären.



Weiter in:
Tschacher, Wolfgang/ Martin Tröndle (2005): Die Funktionslogik des Kunstsystems: Vorbild für betriebliche Organisation? In: Management und Synergetik, hrsg. v. Timo Meynhardt und Ewald Brunner, Münster, New York, München, Berlin: Waxmann

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