Abstract
Die Organisation des Systems Kunst
steht im Mittelpunkt dieses Beitrags. Das Kunstsystem kann als Endosystem
verstanden werden, also als ein selbstreferentes System, das sich in
einem fortwährenden Selbstmodellierungsprozess befindet, aber
zugleich auch durch Selbstorganisation gekennzeichnet ist. Im Folgenden
sollen die Eigenschaften und die besondere Funktionsweise des Kunstsystems
untersucht werden. Dabei wird gefragt, ob sich hieraus neue Sichtweisen
für das Managementhandeln beziehungsweise die Organisationstheorie
ableiten lassen – und falls ja, welche?
Was ist "Kunst"?
Wenn man von einem Kunstsystem sprechen
möchte, ist es nahe liegend, mit einer Definition dessen zu beginnen,
das in ein System eingebunden sein soll. Was also ist Kunst, wo verläuft
die Grenzziehung zu Kitsch, zu Gebrauchskunst und Design? Ist Kunst
durch Schönheit bestimmt, durch Kunstfertigkeit und "Können"?
Die Kunstwissenschaft zeigt, zumal wenn es um moderne Kunst geht, dass
eine Definition kaum möglich ist. So hält die Encyclopædia
Britannica (2001) unter dem Eintrag "aesthetics" fest: "Indeed,
it could be said that self-definition has been the major task of modern
aesthetics." Die Frage was Kunst ist, bleibt unbeantwortet – der,
der sie stellt, gilt im Gegenteil als naiv, wenn nicht als Banause.
Wir können also bei Sichtung der kunsttheoretischen Literatur
nicht realistisch hoffen, zu einer unstrittigen theoriegeleiteten Kunstdefinition
zu gelangen. Wenn wir dennoch nicht aufgeben – bánausos
ist griechisch für "Handwerker", und Handwerk ist ein
unverzichtbarer Bestandteil wissenschaftlichen Vorgehens – so
scheint es sinnvoll, zumindest eine deskriptive Annäherung an
Kunst zu versuchen. Kunstwerke bestehen dann, gemäß unserer
Beobachtung, aus von Menschen absichtsvoll hergestellten
Artefakten ("Werken"), die durch mehrere Eigenschaften ausgezeichnet
sind:
- Verdichtung des im Werk angelegten Inhalts: Das Werk transportiert
einen Wahrnehmungsüberschuss, in dem ein Kommunikationsangebot
enthalten ist (vgl. Omlin 2001)
- Vielschichtigkeit des Werks: Das Werk
transportiert Mitteilungen über das Wahrnehmen selbst, zum anderen
Mitteilungen über Wirklichkeiten
- Beständigkeit des Werks
- Gebundenheit an ein (beliebiges) Medium oder Material
- Neuheit /
Originalität des Werks
Selbstverständlich ist diese Liste
von Eigenschaften unvollständig, und es gibt weitere, die hier
angefügt werden könnten. Eine sehr bemerkenswerte Eigenschaft
von (moderner) Kunst tritt aber zutage, wenn man jede deskriptive Eigenschaft
für sich betrachtet: Die jeweilige Eigenschaft mag noch so abstrakt
und weit bestimmt sein, stets gibt es Entwicklungen in der Kunst und
damit einzelne Werke, die im Kunstsystem als Kunst zwar anerkannt sind,
diese Eigenschaft aber nicht oder nicht mehr aufweisen.
Greifen wir
nur zwei Beispiele heraus: die Eigenschaft "Beständigkeit
des Werks" trifft scheinbar auf viele Kunstwerke zu, und ist offensichtliche
Voraussetzung für die Archivierbarkeit, den langfristigen Handel
und Ausstellbarkeit eines Werks. Dennoch gibt es Künstler, die
diese Eigenschaft antithetisch angehen, etwa durch Schaffung von Werken
aus verderblichen oder sich zersetzenden Materialien (z.B. Installationen
von Dieter Roth). Ein weiteres Beispiel betrifft die "Gebundenheit
des Werks an ein Medium", sei es Leinwand und Farbe oder Videofilm.
Mit der Entstehung der Konzeptkunst scheint auch diese Eigenschaft
falsifiziert; die stofflich-sinnliche Umsetzung ist nicht mehr Teil
des Konzept-Werks, da dieses nur mehr aus einer Anregung besteht, wie
etwas zu tun oder auch nur zu denken sei.
Wir stoßen also bei
unseren initialen Definitions- und Bestimmungsversuchen des Inhalts "Kunst" im
Kunstsystem auf deutliche Schwierigkeiten, die wir im Moment soweit
zusammenfassen können: Jeglicher Definitions- und Festlegungsversuch
im Bereich der Kunst, zumal der modernen Kunst, wird häufig durch
nachfolgende Werke im Zuge der Evolution des Kunstsystems konterkariert.
Das dialektische Prinzip der Antithese scheint zu gelten, mit dem Resultat
beständiger Innovation und Revolution. Es scheint sogar, angenommen
die Innovation wäre Regel im modernen Kunstsystem, die Antithese
auch zu dieser (Meta-)Regel eingeführt zu werden, etwa in Gestalt
der Postmoderne, die das Neuigkeitsprimat der Moderne dadurch negiert,
dass Historisches, bereits Geschaffenes zitiert wird (freilich, um
wiederum Neues zu schaffen).
Festgehalten werden kann, dass sobald
eine Regel vorliegt, was Kunst sein kann, diese negiert wird. Was Kunst
ist, lässt sich also nicht statisch in einer Definition festlegen,
wohl aber ist es möglich, sich der Funktionsweise des Kunstsystems über
eine prozessuale Sichtweise anzunähern.
Kunst und betriebliche
Organisationen
Bevor wir dazu kommen, die Organisation des Kunstsystems
anzusprechen, fällt bereits auf, dass das Künstlerische en
vogue ist. Theorien von der wissens- und wertbasierten Unternehmung
legen dies auch durchaus nahe (Meynhardt 2004). Dies zeigt sich beispielsweise
daran, dass Konzerne ihre eigene Kunstsammlung aufbauen (Sammlung Daimler
Chrysler, Jenoptik), künstlerische Programme einrichten (Kulturstiftung
der Deutschen Bank, Siemens Arts Programm etc.) oder gar ganze Museen
gründen (Museum Würth, Vitra Design Museum etc.). Selten
findet sich ein Vorstandsmitglied, das sich nicht mit einem Klassiker
der Moderne als Hintergrund ablichten lässt. Kunst, insbesondere
die bildenden Künste, scheinen auf Wirtschaftsunternehmen eine
starke Anziehungskraft zu haben. Dies ist für Organisationen,
die doch vornehmlich an in Geldwerten gemessener Eindeutigkeit interessiert
sind, verwunderlich, ist ja, wie ausgeführt, noch nicht einmal
klar, was Kunst überhaupt ist.
Über die Attraktivität
hinaus, die Kunstwerke für die Wirtschaft haben, existiert ein "Kunstsystem" als
eigenständige ökonomische Struktur in der Gesellschaft. Söndermann
(2004) fasst in einer für die deutsche Bundesregierung erstellten
Studie zusammen:
-
"Die Gesamtzahl der Erwerbstätigen
in den Kulturberufen (definiert als Musiker, Sänger, Schauspieler,
Bildende Künstler, Film-/TV-/Rundfunkkünstler, Designer,
Architekten einschließlich sonstiger Kulturberufe) erreicht im
Jahr 2003 einen Umfang von insgesamt 780.000 Personen in Deutschland.
- In
den Jahren zwischen 1995 und 2003 steigt die Zahl der Erwerbstätigen
in den Kulturberufen insgesamt um 31 Prozent oder durchschnittlich
jährlich jeweils um 3,4 Prozent. Das Wachstum der gesamten erwerbstätigen
Bevölkerung hingegen stagniert im gleichen Zeitraum und liegt
bei 0 Prozent zwischen 1995 und 2003.
- Dadurch ergibt sich eine
deutliche Verschiebung des Erwerbstätigenpotenzials zugunsten
der Kulturberufe. Der Anteil der Kulturberufe liegt im Jahr 1995 bei
1,7 Prozent und erreicht bis zum Jahr 2003 einen Anteil von 2,2 Prozent
an der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung (36,17 Millionen
Erwerbstätige insgesamt).
- Zum Vergleich: die gesamte deutsche
Automobilindustrie bietet im Jahr 2003 rund 620.000 Erwerbstätigen
einen Arbeitsplatz und erreicht einen Anteil von 1,7 Prozent an der
gesamten erwerbstätigen Bevölkerung" (Söndermann
2004: 5).
Beim Blick auf das Zahlenmaterial zwingt sich die Frage auf,
was das Kunstsystem so erfolgreich macht. Aus organisationstheoretischer
Perspektive muss gefragt werden: Gibt es unter dem Aspekt des Benchmarking
kunstsystemspezifische "Best Practice"- Merkmale, die auch
auf Wirtschaftsunternehmen übertragen werden könnten? Um
dem nachzugehen, wollen wir im Folgenden nicht länger danach fragen,
was das Kunstsystem ist, sondern danach, wie es funktioniert. Dabei
wird im Besonderen auf die Bildenden Künste (Malerei, Installation,
Video) fokussiert.
Methodisch werden wir aus systemtheoretischer beziehungsweise
evolutionstheoretischer Warte argumentieren. Denn sowohl Kunst als
auch (betriebliche) Organisation lässt sich als System beschreiben,
das heißt das Begriffsinstrumentarium greift auf beiden Seiten.
Organisation als System zu beschreiben ist nicht neu (siehe Probst
1993; Baecker 1999; Luhmann 2000; Ulrich 2001). Auch evolutionstheoretische
Konzepte auf die Organisation zu übertragen findet breiten Anklang
(Malik 1996; Kirsch 1997).
Verallgemeinernd kann gesagt werden, dass
Ausgangslage all dieser Ansätze die Vorstellung bildet, dass Organisationen
in der Lage sein müssen, sich verändernden Umweltbedingungen
anzupassen (Haken 1991; Brunner 2002). Nach dem "ökologischen
Gesetz des Lernens" ist eine Spezies so lange überlebensfähig, "[...]
wie ihre Lerngeschwindigkeit gleich oder größer ist als
die Änderungsgeschwindigkeit der relevanten Umwelt" (Servatius
1991: 112f.). König & Volmer (2000: 231) leiten daraus ab,
dass die Organisation in der Lage sein soll, sich durch Selbstorganisation
aufgaben- oder situationsspezifisch zu reorganisieren, also Lernen
zu lernen, um sich situativ neu anpassen zu können (vgl. auch
Probst 1993: 450f.). Die Systemtheorie nennt diese Fähigkeit der
autonomen Reorganisation Selbstorganisation. In sozialen Systemen geschieht
dieser Prozess durch Lernen.
Es wird im Folgenden die These vertreten,
dass das Kunstsystem so schnell wie kein anderes gesellschaftliches
Teilsystem lernt. Hieraus wollen wir den Erfolg des Kunstsystems erklären.
Weiter in:
Tschacher, Wolfgang/ Martin Tröndle (2005): Die Funktionslogik
des Kunstsystems: Vorbild für betriebliche Organisation? In: Management
und Synergetik, hrsg. v. Timo Meynhardt und Ewald Brunner, Münster,
New York, München, Berlin: Waxmann
Bitte nur aus der Publikation zitieren. |
 |
|